Kulturverein
Alte Kirche Bürgeln e.V.

Die Wandmalereien in der Alten Kirche Bürgeln

 Die Malereien des Chorbogens

 1983 wurde der "Förderkreis Alte Kirchen e.V." der Eigentümer der alten Kirche, was mitentscheidend auch durch die Unterstützung der Großgemeinde Cölbe möglich war. Im Zuge der vom Förderkreis betriebenen Innenrenovierung der Alten Kirche Bürgeln im Jahre 1987 konnte durch die Restauratorin Ulrike Höhfeld auf der Westseite des Chorbogens Teile einer barocken Malerei aus dem Jahr 1733 freigelegt werden. Diese hatte wahrscheinlich einst der Pfarrer Johann Aegidius Preusch anbringen lassen, auch wenn es zu dieser Zuordnung viele Jahre dauerte und bis heute nicht ganz unumstritten ist.

Der freigelegte Namenszug "Herr Johan Egidiguß... ", welcher von Rankenornamenten und posaunespielenden Engeln umgeben ist, wurde durch die Restauratorin deutlich lesbar und übereilt wurde der Name dem in Bürgeln sehr beliebten Pfarrer Johann Aegidius Ruppersberger zugeschrieben, da dieser 1683 bei dem Pfarrhausbrand in Schönstadt ums Leben kam, als er zurück ins brennende Haus lief um seine leider bei dem Brand ebenfalls verstorbene Enkelin zu retten.

                                                                                                                                                                                   QUELLE: Heinrich Seibel: Chronik des Dorfes Bürgeln. Burgwald‐Verlag, Bürgeln 1978.

Man sprach schnell von einer barocken "Apotheose", einer regelrechten Vergötterung des Pfarrers zu seinem Gedenken, da in der Kirche in Schönstadt auch ein Epitaph steht, welches ihn mit seiner Enkelin auf dem Arm zeigt und ebenfalls an ihn erinnert.


                                                                                                                                                                                   QUELLE: Heinrich Seibel: Chronik des Dorfes Bürgeln. Burgwald‐Verlag, Bürgeln 1978.

Die Malerei wurde damals auf die Zeit um 1690 datiert, allerdings wurde diese Festlegung ohne einen sicheren Beweis getroffen. Das Jahr passte einfach gut in die Zeit des Pfarrers Johann Aegidius Ruppersberger und viele Heimatforscher übernahmen diese Falschdeutung vorbehaltlos und veröffentlichten sogar Zeitungsartikel darüber in der Oberhessischen Presse, wie beispielsweise H. Seibel am 23.11.1987.

Zur Verfestigung der Jahreszahl führte auch, dass der Förderkreis Alte Kirchen e.V. im August 1989 ebenfalls eine Schrift unter dem Titel "Zur Geschichte der Alten Kirche in Bürgeln" verfasste, in der ebenfalls die falsche Jahreszahl übernommen wurde. Weitere Artikelschreiber neigten in der Folge dazu, die Darstellung ohne weitere Nachprüfung vorbehaltlos zu übernehmen.

Durch die unerwartete Entdeckung der Malereien und der dadurch hervorgebrachten Euphorie bemerkten offensichtlich weder die Restaurateure noch andere Sachverständige nicht, dass zwischen dem Namenszug "Herr Johan Egidiguß..." und dem folgenden Schriftzug "... zeidiger Pfarr Herr Bey der Gemeinde Bürgelln" ein zwar nicht mehr zu entziffernder, aber dennoch viel zu kleiner Platzhalter für den Familiennamen "Ruppersberg" vorhanden war. Vergleichen mit der Größe des restlichen Schriftzuges konnte der Künstler keinesfalls diesen langen Namen untergebracht haben.

Nach dem gemeinsamen Tod mit seiner Enkelin in den Flammen des Pfarrhausbrandes in Schönstadt am 12.01.168, wurde der Vater des verunglückten Mädchens der Nachfolger im Kirchspiel Schönstadt. Er war der Schwiegersohn von Johann Ägidius Ruppersberg und hieß Michael Preusch (auch Preuß geschrieben).

Dieser war bereits 1678 als Adjunkt in Schönstadt und war mit Pfarrer Ruppersbergs Tochter verheiratet. Zu Ehren seines Schwiegervaters ließ dieser seinen Sohn auf den Vornamen Johann Aegidius taufen und ebenfalls Pfarrer werden. Er übernahm zunächst die Pfarrstelle in Sterzhausen, bevor er nach dem Tod seines Vaters Michael Preusch am 03.09.1622 die Nachfolge in Schönstadt antrat.

Zu dieser Zeit gab es einen großen Streit um die Pfarrstelle, da auch der Schwiegersohn des Verstorbenen, Mesomylius, ebenfalls als Pfarrer arbeitete und unbedingt selbst die Nachfolge antreten wollte. Allerdings lehnte der Kirchenpatron Milchling Mesomylius wegen seines unsoliden Lebenswandels (offenbar war er Alkoholiker) ab und so kam es, dass der Sohn des Verstorbenen, Johann Aegidius Preusch, aus Sterzhausen nach Schönstadt geholt wurde.

Im offensichtlich falsch datierten Jahr 1690 war nach dem Um- und Ausbau der Kirche kein Geld mehr aufzutreiben und das Verständnis für eine luxuriöse Ausmalung der Innenwände sowie ein entsprechender Anstrich der hölzernen Teile der Kirchenausstattung wäre nicht sehr groß gewesen. Im Übrigen wurden zu diesem Zeitpunkt bereits alle Einzelheiten der Baumaßnahmen  fein säuberlich im Kirchensalbuch durch Pfarrer Michael Preusch aufgeschrieben, ein Anstrich wäre mit Sicherheit durch ihn vermerkt worden. Statt dessen war im Kirchensalbuch zu lesen: "Jedermann war zunächst einmal mit der Kirche und den Verbesserungen zufrieden"

Laut Kirchensalbuch dauerte der zufriedene Zustand etwa 40 Jahre an, bis Pfarrer Johann Aegidius Preusch im Jahre 1729 erneut anfing, Verbesserungen an der Kirche durchführen zu lassen und so steht im Bürgelner Kirchensalbuch auf den Seiten 13 und 14: "Anno 1729 im Julia lassen wir 2 neue Fenster Löcher gegen Mittag brechen und 2 neue Fenster einsetzen lassen. Kostet zusammen 7 Gulden. Anno 1730 lass ich eine Neue Cantzelbank Pfarrstand machen, weilen die alte ganz zu ohnförmig und unbequem, wovon dem Schreiner bezahlt wurden 4,75 Guld, wozu auf bittliches Ansprechen meiner lieben Zuhärer verehret worden 4 Gulden. Anno 1733 habe ich durch Zu- und Anreden der Gemeinde Bürgeln die Kirche inwendig weißbindern, Männer- und Weiberbänke auch sonst an den Wänden anstreichen und bemahlen lassen, dazu jedem Mann 10 Albus und das Essen gegeben, der Gotteskasten aber nichts."

Johann Aegidius Preusch / Preuß war es also, der im Jahr 1733 die Innenwände und Bänke der Alte Kirche Bürgeln neu anstreichen lies und auch den den Vers des Psalm 150 "Lobet den Herrn, alles, was Odem hat. Amen, Amen.", die posaunespielenden Engeln sowie den Schriftzug "H. Johan Egidiguß Preuß, zeidiger Pfarr Herr Bey der Gemeinde Bürgelln" anbringen lies. Sehr geschickt wurde das Datum "1733" in das Rankenornament der Malerei eingearbeitet.


Wegen der Jahreszahl wurde von Sachverständigen auch der Verdacht geäußert, dass der Schriftzug sich am wahrscheinlichsten auf Johann Aegidius Rupperberg bezieht, da dieser exakt 50 Jahre nach seinem Tode bei der Rettung seiner Enkelin aus dem Brand des Pfarrhauses aufgemalt wurde.

Der Text unten rechts am Chorbogen ist nicht sicher zu identifizieren, möglicherweise handelt es sich um den Psalm 149,1: "Singet dem Herrn ein neues Lied, die Gemeine (?) der Heiligen soll ihn loben."


Die Bibelsprüche

Die Bibelsprüche an den Seitenwänden sind in einer anderen Schrift gemals als die Malerei und Schrift am Chorbogen und stammen wahrscheinlich aus einer späteren Zeit. Sie sprechen die theologische Sprache der Zeit der Aufklärung, etwa 1750-1790, auch wenn in den Kirchenbüchern keine Nachricht für weitere Malarbeiten gefunden werden konnten.

Die Sprüche sind belehrend, moralisch und aufklärend, wie es der Zeit des Rationalismus im ausgehenden 18. Jahrhundert entspricht. Solche Sprüche sind auch in anderen Kirchen in der Region vorhanden, so beispielsweise in Weitershausen (1700), Ernsthausen (1720) sowie Runzhausen (1812), wobei die Sprüche in Bürgeln denen in Runzhausen zeitlich am ehesten zuzuordnen sind.

In der Alten Kirche Bürgeln sind die Sprüche und die Anordnung auf den Wänden auf die Sitzordnung der Kirchengemeinde abgestimmt.


Die Bibelsprüche an der Westwand

 Am Eingang links der Tür ist für die Kirchgänger ermahnend Prediger Salomonis 5,1 (nach heutiger Zählung Prediger 4,17) zu lesen: "Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Hause Gottes gehest, und komme, daß du hörest."


Am Aufgang zur Empore, auf der die Männer ihren Platz hatten, steht passenderweise Prediger Salomonis, 7,2: "Es ist besser, in das Klaghaus zu gehen, denn in das Trinkhaus."


Auf der Empore an der Westwand befindet sich ein Spruch, der seit der Umstellung der Orgel durch diese teils verdeckt ist. Somit ist seine genaue Zuordnung nicht bekannt, möglicherweise handelt es sich aber um Prediger Salomonis 12, 13: "Laßt uns die Hauptsumme aller Lehre hören: Fürchtet Gott und haltet seine Gebote; Denn das kommt allen Menschen gut."


Die Bibelsprüche an der Südwand

 Die Südwand der Alten Kirche Bürgeln ist die Kanzelseite. Sie wird von der ganzen Gemeinde gesehen und so stehen dort Mahnungen, die nicht nur die Gemeinde, sondern besonders auch ihrem Prediger gelten.

 

Oben links befinden sich nur einige Restbuchstaben des Spruches über/unter der Ranken-Umrahmung des Fensters. Leider ist nur fragmentarisch erhalten "... ... ne wie... ... (ve)rtreten ...".

In seiner Amtsfunktion wurde der Prediger wie ein Engel der Herrn Zebaoth angesehen, was zeigt, wie hochgeschätzt und wichtig die Predigt damals war. So ist unten links Meleachi 2,7 zu lesen: "Denn des Priesters Lippen sollen die Lehre bewahren, daß man aus seinem Munde das Gesetz suche, denn er ist ein Engel des Herrn Zebaoth."


In der Mitte geht es um den Inhalt der Predigt: Micha 6,8: "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert; nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott."


Die Bibelsprüche an der Nordwand

 Auf der Empore an der Nordwand links ist Psalm 2,11 geschrieben: "Dienet dem Herrn mit Furcht und freuet Euch mit Zittern."

Der Spruch oben rechts an der Nordwand, hinter der ursprünglichen Stellung der Orgel von 1752 bis 1870, wurde durch den späteren Einbruch des Fensters zerstört.

Unter der Empore auf der Nordseite der Alten Kirche saßen die alten Frauen. Wegen der oft vorhandenen Schwerhörigkeit wurde der Platz gegenüber der Kanzel gewählt und die Frauen wurden "Kanzelschwalben" genannt. Sie waren oft sehr fromm nach außen, aber boshaft nach innen. Da sie bereits an der Grenze des Lebens stehen, galt ihnen die Mahnung Sirach 18, 22 (zweiter Teil): "Verzeich nicht, from zu werden und harre nicht mit Besserung deines Lebens bis in den Tod." gefolgt von der Bitte aus Psalm 25,4: "Herr, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige."